So funktioniert eine textile Wertschöpfungskette

Die Wertschöpfungskette in der Modeindustrie ist lang und komplex. Doch nur wenn alle Phasen transparent zurückverfolgt werden, können nachhaltige Praktiken für jeden Produktionsschritt eingeführt werden.
Text von Salome Kern
6/15/2021
Textile WertschöpfungsketteTextile Wertschöpfungskette

Was ist eine textile Wertschöpfungskette?

 

Die textile Wertschöpfungskette bildet die Schritte ab, die ein Unternehmen durchläuft, um ein Produkt an den Markt zu bringen. Die Bekleidungsindustrie ist ein komplexes System mit Prozessen und Dienstleistungen, die eine lange Wertschöpfungskette bilden. Dazu finden die verschiedenen Schritte über den ganzen Globus verteilt statt: Kleidungsstücke werden meist in westlichen Ländern designt, doch der Anbau der Rohstoffe wie auch die Verarbeitung und die Produktion finden gewöhnlich in südlichen Hemisphären statt. 

 

1. Die Entwurfsphase

In der Entwurfsphase steht das Design im Zentrum. Es wird entschieden, welche Stoffe verwendet werden, die Größen und Verzierungen werden ausgewählt.

 

So funktioniert eine textile Wertschöpfungskette

2. Produktionsphase

Als zweiter Schritt folgt die Erzeugung des Rohstoffes. Dabei wird zwischen drei Kategorien unterschieden: Chemiefasern, einschließlich Polyester aus fossilen Brennstoffen, pflanzliche Fasern wie Baumwolle und tierische Fasern wie Wolle. Bei der Aufbereitung wird aus einem Rohstoff, wie beispielsweise Baumwolle, Garn und Fäden produziert, um sie für die Webereien und Strickereien vorzubereiten. Die häufigsten Verfahren, aus Garn Stoffe herzustellen, sind Weben, Stricken sowie die Produktion von nicht gewebten Stoffen wie Filz. In der darauffolgenden Textilveredlung werden die Stoffe mit Chemikalien veredelt, um die gewünschten Eigenschaften zu erreichen.

Im letzten Schritt der Produktionsphase entstehen aus den Stoffen Kleidungsstücke. Zuerst werden die Stoffe nach Schnittmustern geschnitten und dann genäht. ArbeiterInnen fügen Borten und die Labels hinzu. Nach dem Qualitäts-Check verlassen die Kleidungsstücke die Produktionsstätte.

 

3. Vor- und Einkaufsphase

Die Bekleidungsindustrie agiert global über alle Kontinente hinweg. Die Kleidungsstücke werden den Rohstoff produzierenden Ländern zu den Produktionsstätten, die oft auf einem anderen Kontinent stehen, hin und her transportiert. Zu dieser Phase gehören auch Vertrieb, Merchandising und Marketing für die Kleidung – bis das Kleidungsstück schließlich von EndverbraucherInnen – im Onlineshop oder über den Einzelhandel – gekauft wird.

 

4. Nachkaufphase

Die KonsumentInnen tragen, waschen und trocknen das Kleidungsstück. Am Ende der Wertschöpfungskette teilt sich der Weg auf: Häufig landet die Kleidung auf der Mülldeponie, es kann aber auch eine zweite Nutzungszeit erreicht werden – entweder via Secondhand oder über die Altkleidersammlung. Je nach Materialien ist auch Recycling, Upcycling oder Downcycling möglich.

 

Die Herausforderungen in den einzelnen Phasen

 

Die komplexe textile Wertschöpfungskette macht es schwierig, jeden Schritt transparent nachverfolgen zu können. Doch ein Kleidungsstück kann nur dann nachhaltig produziert werden, wenn der Einfluss entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Anfang an mitbedacht wird und alle AkteurInnen einen Teil dazu beitragen – auch KonsumentInnen können ihren Beitrag dazu leisten.

 

So funktioniert eine textile Wertschöpfungskette

In den einzelnen Phasen dominieren unterschiedliche ethische Problemstellungen, die teilweise eng miteinander verbunden sind. Die bekanntesten Themenfelder in der textilen Wertschöpfungskette sind unter anderem der Verbrauch von Energie und Ressourcen, der Einsatz von Chemikalien, Arbeitsbedingungen aber auch die Entsorgung, respektive das Recycling am Ende. Und beim Marketing spielen dann Themen wie Sexismus, Ageism, Rassismus und Sizeism eine Rolle. Die Problematik von Sizeism, also die Diskriminierung aufgrund der Kleidergröße, ist auch in der Design-Phase vorherrschend.

Gemäß dem Report Fashion on Climate der Global Fashion Agenda fällt für die Rohstoffgewinnung 38 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes der Textilindustrie an, auf Platz zwei steht mit 20 Prozent die Nutzungszeit des einzelnen Kleidungsstücks. In den Phasen der Rohstoffgewinnung und der Herstellung sind vor allem soziale und ökologische Themen wie Arbeitsrechte und existenzsichernde Löhne eine Herausforderung. In der Nutzungs- sowie Entsorgungsphase wird vor allem beim Waschen Mikroplastik freigesetzt, das in die Umwelt gelangt.

 

So funktioniert eine textile Wertschöpfungskette

Bei der Veredelung von Materialien sollte die Reduzierung von Schadstoffen, die in die Umwelt gelangen, im Vordergrund stehen. Genauso wie die Reduzierung des Wasserverbrauchs während der gesamten Herstellungsphase, die einen erheblichen Beitrag zur Verschwendung von Ressourcen leistet. Die extrem große Menge an oft kaum recycelbarer Kleidung am Ende ihrer Lebenszeit, schafft Müllprobleme entsorgen. 

Hier sind die KonsumentInnen in der Pflicht: Wenn die Gesellschaft bewusster einkauft, auf umweltfreundliche, recycelbare Materialien achtet und auf umweltschonend produzierte Mode statt auf Fast Fashion setzt, kann der Abfall reduziert werden. 

Doch nicht jeder kann sich nachhaltig produzierte Kleidung leisten, aber auch KonsumentInnen mit einem kleineren Budget können einen Unterschied machen, indem sie entweder auf Secondhand-Mode setzen oder weniger und bewusster konsumieren.

 

Alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette sind gefragt

 

Unternehmen beeinflussen direkt die Wertschöpfungskette durch ihre Aktivitäten: Werden von Anfang an Zero Waste Cutting Technologien eingesetzt, bei denen kaum Textilabfälle anfallen, wird die Rohstoffverschwendung bereits während der Produktionsphase bedeutend kleiner. Auch die Entscheidung einer Marke auf schwer recycelbare Mischfasern zu verzichten, hat positive Effekte auf die Umwelt. Besonders wichtig sind kluge Lösungen in der Musterabstimmung. Häufig werden die Musterentwürfe zwischen den Ländern hin und her geschickt, bis das Muster perfekt ist. In diesem Prozess werden Materialien verschwendet und Transport-Emissionen genutzt. Marken, die darauf verzichten und beispielsweise mit digitalen Lösungen und 3D-Sampling arbeiten, zeigen hier schon Fortschritt.

Da jede Phase mit weiteren Produktionsprozessen verknüpft ist, können schon kleine Anpassungen eine positive Kettenreaktion auslösen. Deshalb bestimmen festgelegte Richtlinien und Strategien der Unternehmen und seiner Partner schlussendlich den Ausstoß von CO2-Emissionen während der Produktion und auch die Nutzungsdauer und das finale Ende eines Kleidungsstücks mit.

 

Die Wertschöpfungskette wird transparent gemacht

 

Dass Transparenz durchaus möglich ist, beweisen zahlreiche Marken. Der österreichische Faserhersteller Lenzing beispielsweise ermöglicht KonsumentInnen über einen QR-Code am Kleidungsstück, zu erfahren, wo der Ursprung der Textilie liegt. 

Das Düsseldorfer Blockchain-Start-up Retraced bietet Unternehmen ein innovatives Tool zur Kontrolle und Optimierung ihrer Lieferketten, EndkundInnen können mit dem Tool zurückverfolgen, inwieweit ihr Konsumverhalten die Umwelt und das Leben der Menschen, die mit dem Produkt verwickelt sind, beeinflusst.

Marken wie Armedangels aus Köln oder das deutsch-indische Fashion-Label Jyoti Fair Works setzen bereits auf die Plattform. Die Daten der einzelnen Wertschöpfungsphasen werden gesammelt, ausgewertet und den KundInnen präsentiert, die jetzt die Reise ihres neuen Kleidungsstücks verfolgen können. 

Allerdings ist der Weg mit dem Verkauf an die EndkundInnen noch nicht zu Ende. Um die gesamte Wertschöpfungskette abzubilden, müssten auch die Nutzung durch EndverbraucherInnen und die spätere Entsorgung nachverfolgt und gemessen werden.

Kreislaufwirtschaft löst Probleme

 

Würden Marken ihren Einfluss auf die Umwelt bereits entlang der gesamten Wertschöpfungskette tracken, könnten sie schon von Anfang an auf eine sinnvollere Wiederverwertbarkeit ihrer Produkte setzen. 

Kreislaufmodelle der Circular Economy beziehen den Recyclinggedanken bereits von Beginn an mit ein. Ihr Ziel ist, es ein Produkt so lange wie möglich in einem geschlossenen Kreislauf zu behalten, ohne dass es an Wert verliert, um die Verschwendung von Ressourcen so gering wie möglich zu halten. Das geht so: Das Design und die Wahl der Materialien bereits beziehen einen umweltschonenden Einsatz von Ressourcen mit ein und setzen auf Langlebigkeit und biologische Abbaufähigkeit oder Recycling-Fähigkeit des jeweiligen Teils. Ein Kleidungsstück wird also aus umweltfreundlichen Materialien hergestellt und kann so am Ende seines Lebenszyklus entweder der Natur zugeführt und abgebaut werden, ohne der Umwelt zu schaden oder komplett recycelt werden.