Warum Moderne Sklaverei uns alle betrifft

Moderne SklavInnen arbeiten auch für Dich. Denn unsere komplette Wohlstandsgesellschaft stützt sich auf die Schultern jener sozial schwachen und ausgebeuteten Menschen, die ganz am Anfang der Lieferketten stehen. Die Moderne Sklaverei und wie wir sie bekämpfen können.
Text von Johannes Thalmayr
5/25/2021
Moderne SklavereiModerne Sklaverei

Was ist Moderne Sklaverei?

 

Moderne Sklaverei ist ein Dachbegriff, unter dem sich sämtliche Formen der Ausbeutung von Menschen und menschlicher Arbeitskraft sammeln. Hierzu zählen Sklaverei und sogenannte sklavereiähnliche Praktiken wie Menschenhandel, Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, der Verkauf und die Ausbeutung von Kindern, Zwangsprostitution und Zwangsehe.

Allen Praktiken Moderner Sklaverei gemein ist die Tatsache, dass ihre Opfer — ihrer Ausweispapiere beraubt und gefangen in einem Netz aus Machtmissbrauch und gewalttätiger Misshandlung — kaum eine Möglichkeit haben, ihrer Situation zu entkommen. Jegliche Formen der Sklaverei und des Menschenhandels sind nach Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verboten.

 

Wo wird Moderne Sklaverei betrieben?

 

Die International Labour Organization (ILO) schätzte die Zahl der Menschen, die weltweit in Moderner Sklaverei leben müssen 2016 auf 40.3 Millionen (davon 71% Frauen). 15,4 Millionen von diesen Menschen leben in einer Zwangs- oder Versklavungsehe. Moderne SklavInnen arbeiten in der Landwirtschaft, im Textil-, Technologie- oder Dienstleistungssektor; bei der Kakaoernte an der Elfenbeinküste, in den Kohleminen Nordkoreas, aber auch als HausdienerInnen in der westlichen Welt.

Der Global Slavery Index 2018 recherchierte, dass alle G20-Staaten zusammen in eben diesem Jahr 2018 den Gegenwert von 354 Milliarden Dollar an Produkten importierten, die Gefahr liefen, aus sklavereiähnlicher Produktion zu stammen. Auch in Deutschland zählte der Global Slavery Index 2016 167.000 de facto SklavInnen. Diese arbeiten zum Beispiel im Bau- oder Schlachtereigewerbe und sind Opfer eines perfiden Pyramidensystems aus Subunternehmen, in dem Verantwortliche die Schuld nach unten weiterreichen.

 

Was treibt Menschen in die moderne Sklaverei?

 

Die australische Walk Free Foundation definiert die „Vulnerability“ (dt.: Verwundbarkeit) einer Gesellschaft als zentralen Katalysator für moderne Sklaverei. Überall dort wo Armut, Krieg, Korruption und Kleptokratie, vielfach auch Naturkatastrophen, ganze Nationen und ihre Menschen verwundbar machen, blüht der Sklavenhandel auf.

Es sind Perspektivlosigkeit und geißelnde Armut, die sie oft sehenden Auges in die Sklaverei treiben. Menschenhändler kommen in ein Dorf und fragen, wer einen Job wolle. Mütter und Väter melden sich, weil ihre Kinder hungern. Tausende Kilometer weiter werden sie ausgespuckt und nehmen für Hungerlöhne eine gefährliche und menschenverachtende Arbeit auf. Vielfach sind es auch Kinder, die von ihren Eltern in die großen Städte geschickt werden, um für das Überleben der Familie zu sorgen.

 

Moderne Skalverei

Kinderarbeit auch in der Textilbranche

 

Safia Minney, Autorin des Buches „From Slave to Fashion“, definiert Kinderarbeit als „Arbeit, die Kinder ihrer Kindheit, ihres Potenzials und ihrer Würde beraubt, und schädlich für ihre körperliche und geistige Entwicklung ist.“

Von 151,6 Millionen KinderarbeiterInnen weltweit (Schätzung der ILO von 2017) gehen knapp die Hälfte — circa 73 Millionen — einer Arbeit nach, die gesundheitsgefährdend oder gar lebensgefährlich ist.

Sie tragen beispielsweise schwere Lasten in Steinbrüchen oder kommen in der Textilbranche ungeschützt mit giftigen Chemikalien in Berührung.

Die meisten KinderarbeiterInnen gibt es auf dem afrikanischen Kontinent. Hier müssen 19,6% der Menschen zwischen fünf und 17 Jahren arbeiten. Gefolgt vom Asien-Pazifik Raum, in dem durchschnittlich 7,6 % der Kinder zur Arbeit gezwungen werden.

70% der Kinder (ca. 106 Millionen) sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Aber auch in der Fashion-Industrie findet sich eine enorm hohe Zahl an KinderarbeiterInnen. So ermittelte das US-Arbeitsministerium 51 Länder, die in ihren Textil- oder Schmuckindustrien Kinder beschäftigen.

 

Moderne Sklaverei in der Mode

 

Bis zu zwölf Kollektionen bringen große Modeketten pro Jahr auf den Markt. Zwei Wochen nach Produktionsstart hängt die Klamotte oft schon am Kleiderbügel. Laut einer Statistik von Greenpeace kauft jeder und jede Deutsche jährlich 60 neue Kleidungsstücke, von denen 40% Prozent gar nicht getragen werden. 2018 importierten die G20-Staaten 127,7 Milliarden Dollar an Kleidung, für die ein „Sklaverei-Risiko“ bestand.

Immer mehr, immer schneller, immer günstiger — ein ziel- und grenzenloses Rennen, das tausende ZwangsarbeiterInnen und die irreversible Zerstörung der Umwelt als Kollateralschäden des Preiskampfes um das billigste T-Shirt zur Folge hat.

In Textilfabriken in Kambodscha, Bangladesch, Sri Lanka oder Vietnam kommen jeden Tag unzählige Menschen zu Schaden, nicht nur bei den Katastrophen, die öffentlich werden (wie z. B. der Einsturz des Fabrikkomplexes Rana Plaza in Bangladesch 2013, bei dem 1136 ArbeiterInnen starben und mehr als 2000 verletzt wurden), sondern auch durch die unsäglichen Bedingungen, unter denen diese Menschen tagtäglich (und oft Nacht für Nacht) zur Arbeit gezwungen werden. Drei drastische Beispiele von Moderner Sklaverei und Zwangsarbeit in der Mode sind die folgenden:

 

Uigurische ZwangsarbeiterInnen in Xinjiang

In der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas leben gut zehn Millionen Uiguren. Der Ethnie nach sind Uiguren ein sogenanntes Turkvolk, werden sie von der Staatsregierung in Peking systematisch überwacht und unterdrückt. Den Uiguren wird Separatismus und Terrorismus vorgworfen, was die Regierung zum Anlass nimmt, seit 2017 über eine Millionen Uiguren in sogenannte „Ausbildungszentren“ einzusperren und „umzuerziehen“. Ehemalige Insassen berichten von Folter und Indoktrinierung.

Wie der australische Thinktank Australian Strategic Policy Institute (Aspi) recherchierte, sollen über 80.000 internierte Uiguren in Zügen zu 27 Fabriken in- und außerhalb Xinjiangs transportiert worden sein, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Zwangsarbeit, von der (direkt oder indirekt) auch 83 internationale Firmen profitiert haben sollen. Aspi listete neben Tech-Giganten auch große Player der Baumwoll-Industrie als Profiteure auf.

 

Uzbekistan Cotton Harvest

In Usbekistan (mit einer Ernte von gut 800.000 Tonnen in der Saison 2019/20 der sechstgrößte Baumwoll-Exporteur weltweit) ist die Baumwollernte Staatsangelegenheit. In der ehemaligen sowjetischen Unionsrepublik legt die Regierung in Taschkent zu Beginn jeder Baumwollernte einen „Ernteplan“ fest. Von September bis November sind alle Staatsangestellten, ÄrztInnen, PflegerInnen, LehrerInnen, aber auch StudentInnen und SchülerInnen zur Baumwollernte verpflichtet. Wer sich weigert zu ernten oder die vorgegebene Mindesternte pro Tag unterschreitet, riskiert seinen regulären Job.

2012 verhängten die USA ein Embargo gegen Usbekistan. Über 300 internationale Marken boykottieren im Rahmen des „Uzbek Cotton Pledge“ die Baumwolle aus dem zentralasiatischen Staat. Seit einem Regierungswechsel 2016 arbeitet der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev an einer Liberalisierung des staatlichen Erntesystems. Die Löhne sollen seitdem erhöht, Zwangs- und Kinderarbeit weitestgehend abgeschafft worden sein.

Das Embargo der US-Amerikaner ist mittlerweile aufgehoben. Für das Erntejahr 2020 berichtete das US-Medium RadioFreeEurope/Radio Liberty allerdings trotzdem vielfach über Fälle von verschleierter Zwangsarbeit.

 

Sumangali-Arbeiterinnen in Südindien

Nach der ILO-Konvention 182 — die Indien (noch) nicht unterzeichnet hat — ist das Sumangali-System eine der schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Sumangali ist Tamil für „glückliche Braut“. Anwerber ziehen durch ärmliche Regionen des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu, um dort gezielt Mädchen und junge Frauen ab 14 Jahren anzuwerben. Sie könnten sich in der Großstadt ihr „Brautgeld“ (die Mitgift an den Bräutigam; eine Praxis, die in Indien eigentlich seit 1961 verboten ist) verdienen. Es werden (auch nach indischer Rechtslage) illegale Verträge mit den Mittelsmännern geschlossen, die für die Mädchen mindestens drei Jahre „Arbeitshaft“ in den Textilmetropolen Coimbatore oder Tiruppur bedeuten. Am Ende dieser drei Jahre erhalten die Arbeiterinnen das versprochene Brautgeld in Höhe von umgerechnet 500 bis 800 Euro. Von circa 20 Euro Taschengeld im Monat werden Unterkunft und Verpflegung abgezogen, bleiben weniger als 10 Euro pro Monat. Geschlafen wird in Baracken auf dem Fabrikgelände, oft zu zehnt in einem Zimmer und auf dem blanken Boden. Telefonate oder Treffen mit Angehörigen sind selten und nicht ohne Aufsicht möglich, Gewalt und sexueller Missbrauch durch Vorgesetzte alltäglich.

 

Corona verschlimmert die Lage noch

 

Wie andere Katastrophen zuvor, wirkt auch die Covid-19-Pandemie als Brandbeschleuniger der Modernen Sklaverei. Zwar wissen die Menschen mittlerweile, wie einer Ansteckung vorzubeugen wäre, nur bringt dies gerade den Ärmsten nichts. In den Slums ist es schlichtweg zu eng. Der Abstand zu den Nachbarshütten ist zu gering. Es besteht oft keine Möglichkeit, sich mit sauberem Wasser zu waschen. Vielerorts drückt der Hunger noch mehr als ohnehin schon. TagelöhnerInnen haben keine Chance auf Arbeit. Die Zahl der arbeitenden und bettelnden Kinder steigt an, während Schulen und Kinderschutzprogramme geschlossen sind.

Terre des Hommes berichtet von Geldverleihern in Indien, die diese Notlage ausnutzen, um Kredite an notleidende Familien zu vergeben, die diese dann mitsamt ihren Kindern in Form von Schuldknechtschaften abarbeiten müssten.

 

Wie viele SklavInnen arbeiten für mich?

 

21 SklavInnen arbeiten für mich. Weil ich ein Auto fahre, wohne, mich kleide und ernähre. Diese Zahl rechnete die Website slaveryfootprint.org für mich aus. Was diese Zahl zeigt, ist wie tief wir alle im Morast der modernen Sklaverei stecken, wie stark der Kapitalismus und der westliche Lifestyle auf die Not und das Leid von Millionen von Menschen bauen. Frauen, Männer und Kinder, die ganz am Anfang der Lieferketten stehen und für unseren Überkonsum an „Schnäppchen“ (genauso aber auch für teurere Produkte) mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit bezahlen. Und dafür, wenn überhaupt, einen Hungerlohn erhalten.

 

Was wir tun können

 

Mit das unkomplizierteste was man beim Kleidungskauf tun kann ist, auf die richtigen (!) Siegel zu achten. Die richtigen Siegel, das sind jene, die die gesamte Lieferkette eines Produktes, vom Rohmaterial bis hin zur Fertigung, zertifizieren — wie beispielsweise das GOTS– oder das IVN-Siegel. Trägt ein Kleidungsstück das Siegel der Fair Wear Foundation, so kann man guten Gewissens davon ausgehen, dass in der Herstellung dieses Teils hohe Sozialstandards geltend gemacht wurden, also humane Arbeit gegen faire Bezahlung geleistet wurde.

Über die Siegel hinaus, haben wir KonsumentInnen aber auch immer die Möglichkeit, uns im Internet über Marken zu informieren. Nicht nur darüber, ob, wo und wie fair produziert wird, sondern auch darüber, inwiefern eine Marke ambitioniert ist, positive Veränderung in den traditionellen Produktionsländern der Textilindustrie herbeizuführen. Investiert eine Marke zum Beispiel einen Teil ihres Verkaufserlöses in den Aufbau fairer Lohn- und Arbeitsstrukturen in den Textilmetropolen des globalen Südens, könnte das — neben dem guten Look eines Kleidungsstücks, der natürlich nach wie vor wichtig ist — doch auch ein gutes Kaufargument sein.