Wie nachhaltig ist Fleece?

Kleidungsstücke aus Fleece sind so schön weich auf der Haut und liegen dabei doch so schwer im Magen. Wie im Magen? Und in wessen Magen? Fragen, die dieser Text beantwortet.
Text von Johannes Thalmayr
5/27/2021
Fleece – alles, was du über das Material wissen musst | fairlyfabFleece – alles, was du über das Material wissen musst | fairlyfab

Was genau ist Fleece?

 

Zwar gibt es Fleece aus Baumwolle oder tierischer Wolle, zumeist aber besteht Fleece aus Polyester. Zur Herstellung der für die Produktion benötigtenFaser werden kleine Kunststoff-Pellets zu einer zähen, sirupartigen Flüssigkeit verschmolzen, die dann durch Spinndüsen gepresst und abgekühlt wird. So entstehen sehr lange, synthetische Fasern, aus denen kleine Schlaufen, sogenannte Plüschhenkel, „gestrickt“ werden. Diese werden anschließend aufgetrennt und aufgeraut, wodurch das Fleece seine weiche, plüschige Struktur erhält. Man unterscheidet zwischen 100er-, 200er- und 300er-Fleece. Gemeint ist damit das Flächengewicht des Stoffes pro Quadratmeter. Während sich ein leicht gewebtes 100er-Fleece (ein Quadratmeter dieses Stoffes wiegt 100 Gramm) für eine Übergangsjacke oder einen Pullover der unteren oder mittleren „Zwiebelschicht“ eignet, bestehen dicke und warme Jacken aus dichterem und schwererem 300er-Fleece.

Und bevor wir gleich zu den offenkundigen Problemen und Nachteilen des Fleece gelangen, muss konstatiert werden: ja, es ist leicht, warm, weich, formbeständig und — zumindest, wenn man von den umweltschädlichen Folgen eines Waschgangs absieht — praktisch in der Pflege. Doch da war es schon, mein Stichwort: Waschgang. Denn bei der Waschung des Polyester-Fleeces bricht sich ein gewaltiges Problem Bahn — und zwar bis in die Ozeane.

 

Das Problem mit dem Polyester

 

Zuerst einmal basiert Polyester auf Erdöl, bei dessen Gewinnung enorme Mengen an Wasser und Energie verbraucht, Wälder gerodet und toxische Abwässer produziert werden. Es fragt sich also ohnehin, ob wir uns überhaupt Produkte aus Polyester oder anderen synthetischen Fasern kaufen sollten. Hat man allerdings bereits ein Produkt aus Polyester-Fleece zuhause, muss dieses regelmäßig in die Waschmaschine. Ich begann diesen Text mit der Aussage, Fleece läge schwer im Magen. Hier beginnt die Rundreise:

 

Sauberes Fleece, aber dreckige Meere

 

Laut Greenpeace kann eine Fleecejacke pro Waschung bis zu einer Million Mikroplastik-Fasern absondern. Nur zur Einordnung: Per Definition des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) gelten „feste, wasserunlösliche Kunststoffpartikel, die fünf Millimeter oder kleiner sind“ als Mikroplastik.

Der größte Teil dieser Million Fasern wird durch das Flusensieb der Waschmaschine oder den Filter der Kläranlage abgefangen, doch schaffen es die kleinsten Partikel (jene unter einem Millimeter) doch bis in die Ozeane — pro Fleecejacke geht man von circa 1900 Mikrofasern aus.

Der WWF schätzt die Menge an Plastik, die jährlich in den Ozeanen landet, auf 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen — circa eine Lastwagenladung pro Minute. Dabei handelt es sich nicht nur um jene Flaschen und Tüten, die auf den bekannten und alarmierenden Bildern in Massen obenauf schwimmen oder an den Stränden einstiger Paradiesinseln herumliegen. Man geht von über 80 Millionen Tonnen Plastik aus, die sich in tieferen Gewässern oder auf dem Meeresgrund befinden — wohl unwiederbringlich.

Aus Deutschland gelangen jährlich etwa 443.000 Tonnen Plastik in die Umwelt. Rund drei Viertel davon — circa 330.000 Tonnen — macht das Mikroplastik aus. Es stammt beispielsweise aus dem Abrieb von Asphalt der Autoreifen, aus Kosmetika oder Reinigungsmitteln, aber eben auch aus unseren Fleecejacken und anderer Bekleidung aus synthetischen Stoffen.

Gelangen die Mikropartikel aus diesen Kleidungsstücken über das Abwasser in die Ozeane, richten sie dort, wie größeres Plastik auch, erhebliche Schäden an.

 

Mmhmm lecker, Plastikfisch! Nicht?

 

Schildkröten, die Plastiktüten mit Quallen verwechseln, müssen oft als Beispiele herhalten, wenn es um die fatalen Folgen des Plastiks in den Ozeanen geht. Mikroplastik jedoch, das auch tonnenweise in die großen Gewässer gelangt, wird von kleinen Organismen gefressen. Fisch- und Muschellarven, Kleinkrebse und Würmer verwechseln die Partikel oft mit Plankton.

Diese kleinen Lebewesen sind die Nahrungsgrundlage vieler größerer Salz- und Süßwasserbewohner, vom Blauwal bis zur Makrele. Nun ist es nicht nur so, dass es durch die Plastikbelastung ohnehin schon immer weniger Beute für die „Großen“ gibt, nein, diese Beute trägt auch noch Plastik im Bauch, das sich eben auch in den Mägen bestehen bleibt.  Auch unsere favorisierten Speisefische Hering und Makrele fressen dieses Plastik gleich mit. Und so schließt sich der Kreis und das Plastik aus unserem Fleecepullover landet auf unseren Tellern — und schließlich in unseren Mägen. Wie sich Mikroplastik im menschlichen Körper auswirkt, ist noch nicht ausreichend erforscht. Beim Gedanken, einen kleinen Bissen von meinem Fleecepullover zu nehmen, liegt mir der Rollmops aber doch etwas schwerer im Magen.

 

Also: Wie nachhaltig ist Fleece denn nun?

 

Hier gilt es, zwischen „nachhaltig“ und „umweltfreundlich“ zu unterscheiden. Denn wer bereits einen Fleecepullover im Kleiderschrank hat, möge diesen bitte gut behandeln und noch sehr lange tragen. Geht der Pullover kaputt, sollte er repariert werden, gefällt er einmal nicht mehr, sollte man ihn spenden, tauschen oder weiterverkaufen. Denn im ökologischen, wie im etymologischen Sinne gilt als nachhaltig, was möglichst lange nicht verworfen, bzw. weggeworfen wird und im Müll landet.

Tipp: Zur Waschung von Kleidungsstücken aus synthetischer Faser sollten unbedingt Partikel-Auffangbeutel, wie jene der Marke „Guppyfriend“, verwendet werden, in die diese Kleidungsstücke hineingegeben werden.

Umweltfreundlich ist Polyester — und damit auch Fleece — überhaupt nicht! Und ist ein Fleecepullover auch aus recycelten, aus dem Meer gefischten PET-Flaschen hergestellt, so ist zwar das Bestreben, die Gewässer von der Plastiklast zu befreien und nachhaltig zu agieren, aller Ehren wert, das Problem mit dem Mikroplastik aber noch lange nicht gelöst. Denn aus recyceltem Fleece lösen sich mindestens ebenso viele Mikropartikel, wie aus herkömmlichem. Die PET-Flaschen fließen also nach und nach, Partikel für Partikel, wieder ins Meer zurück.

Anstatt auf Fleece sollte man daher auf Bekleidung aus Bio-Baumwolle oder tierischer Wolle (sofern unter Beachtung des Tierwohls gewonnen) setzen. Auch das umweltfreundliche vorwiegend aus Eukalytusholz produzierte TENCEL ™ ist eine echte Alternative.

 

Quellen zu diesem Thema:

https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/plastik/mikroplastik

https://utopia.de/ratgeber/fleece-wie-nachhaltig-ist-der-weiche-stoff/

https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/plastik/unsere-ozeane-versinken-im-plastikmuell/plastikmuell-im-meer-die-wichtigsten-antworten

https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/i03971-20170718-greenpeace-flyer-mikrofaser.pdf