Was passiert mit überschüssiger Ware des Einzelhandels?

Der Einzelhandel sitzt seit dem Beginn der Pandemie auf Bergen von Textilien, die kaum jemand kauft. Was geschieht mit dem Überschuss?
Text von Corinna von Bassewitz
5/25/2021
Überschüssige Ware EinzelhandelÜberschüssige Ware Einzelhandel

Läden auf, Läden zu. Einkaufen mit Maske, einkaufen nur mit Test. Click & Meet, Click & Collect. Das machen nicht sehr viele mit. Der Einzelhandel ist seit Beginn der Pandemie Mitte März 2020 am Boden. Eine halbe Milliarde unverkaufter Kleidungsstücke türmten sich Anfang 2021 in den Lagern auf, so eine Schätzung des Handelsverbandes Textil (BTE). Hinzu kamen zufolge des BTE weitere 300 Millionen Teile, die in den Lieferketten festhingen und die Bundesrepublik noch nicht erreicht hatten. Die Frühjahrsware, die jetzt in den Läden hängt, umfasse wieder rund eine Milliarde Stück, so der Verband. Was tun die Händler mit der unverkauften Ware?

 

Vernichten – auf Kosten der Umwelt

 

Pro Person werden eines Reports des Europa Parlaments zufolge jährlich 1,2 kg Textilien verbrannt und 2,7 kg werden auf den Deponien entsorgt. Die Menge an Kleidung, die in der EU pro Person gekauft wird, ist seit 1996 infolge von Preis-Dumping und minderer Qualität um 40 Prozent gestiegen, was die Lebensdauer der Kleidungsstücke verkürzt und zu „schnelle Mode, schnell Müll“ geführt hat, wie die Süddeutsche Zeitung einen Bericht vom 1./2. April 2021 betitelte.

In der preisaggressiven Fast Fashion-Branche ist es Usus, nicht verkaufte neue Kleidung für ein paar Euro pro Kilo an AufkäuferInnen zu verscherbeln, die im großen Stil die Teile vernichten oder aber schreddern, um aus den Schnipseln Putzlappen oder Dämmmaterialien herzustellen. Diese Art von Kreislaufwirtschaft ist fatal für die Umwelt. Die Kleidung wird vernichtet, indem sie zum Teil in Kraftwerken, aber auch in Privathaushalten verbrannt wird.

Laut der Sendung „ZDF-zoom: die Fast Fashion Lüge“ werden in osteuropäischen Ländern, wo Altkleider und Schuhe in Hallen mit einem Grundriss so groß wie Fußballfelder lagern, diese unter anderem für ein paar Cent säckeweise verkauft und von Menschen in den armen Brennpunktvierteln der Großstädte verfeuert, um im Winter ihre Wohnungen zu beheizen.

Die Folge: giftige Rauchschwaden die zu Lungenerkrankungen führen können. Kleidung wird also nicht recycelt, sondern downcycelt. Das heißt, dass Textilien, die noch zu neuer Kleidung werden könnten, als Putzlappen und Dämmmaterialien ihren Wert verlieren.

Es gäbe durchaus EinzelhändlerInnen, die überschüssige Neuware an gemeinnützige Vereine spenden würden. Der Deutsche Wirtschaftsdienst meldete: „Unter dem Motto ‚Spenden statt Vernichten – Lagerware für den guten Zweck‘, stellten der Handelsverband Deutschland (HDE), der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Grünen-Bundestagsfraktion eine gemeinsame Initiative für die Verwendung von Waren vor, die während der Corona-Krise nicht verkauft werden konnten.“ Ein Appell, der Erfolg hatte. Auf jede Kleiderspende werden normalerweise 19 Prozent Umsatzsteuer fällig. Seit 1. März ist die Besteuerung auf gespendete Textilien temporär ausgesetzt.

 

Überschüssige Ware Einzelhandel

Ins Ausland verschiffen – kaum eine Option

 

Gebrauchte, aber auch neue Kleidung, kann aus der EU ausgeführt werden. Laut eines Berichts der Kommunalwirtschaft.eu werden jedes Jahr 6 Kilogramm Textilien pro Kopf aus den reichen EU-Ländern ins Ausland exportiert, vornehmlich in afrikanische oder osteuropäische Länder. Das ist ein irrsinniges Volumen. Von hochwertigeren Kleidungsstücken, die als Secondhand- und Vintage-Mode online oder im Einzelhandel wieder verkauft werden können, bleibt ein geringer Anteil in Deutschland.

Der Export von gebrauchter Kleidung ist zunächst natürlich gut für die Umwelt, denn es verlängert die Lebensdauer der Teile. Weniger gut ist das allerdings für die lokale Wirtschaft der Länder, in die die Altwaren verschifft werden. Die Flutung mit billiger minderwertiger Secondhand-Ware durch gewerbliche Sammler schadet den TextilproduzentInnen und HändlerInnen vor Ort. Und nicht nur das. Ein Großteil der Waren ist von minderwertiger Qualität und kann teilweise deshalb nicht wiederverkauft werden.

Die Folge: Auch dort wird sie einfach weggeworfen oder verbrannt, weil oft keine funktionierende Abfallstruktur vorhanden ist. Die Textilien aus synthetischen Materialien verrotten nicht, sie setzen Methan frei, zerfallen in Mikroplastikpartikel und verschmutzen Böden und Gewässer. Deshalb wollen einige afrikanische Staaten jetzt den Import von wiederverwendbarer Kleidung verbieten oder zumindest strenger regulieren. Ruanda hat bereits ein Importverbot verhängt. Denn Fakt ist, schreibt die SZ: „Kleidungsstücke, die in Billiglohnländern produziert werden, landen nach dem schnellen Konsum im Westen wieder in Billiglohn-Ländern, wo am Ende des Zyklus riesige Textilberge entsorgt werden müssen.“

 

HerstellerInnen in die Verantwortung nehmen

 

Für den gemeinnützigen Dachverband FairWertung ist klar: Textilunternehmen in Deutschland, dazu gehören natürlich besonders auch die Fashion-Multis, sollen das bereits bestehende Recycling-System mitfinanzieren. Nach dem Motto: Wer etwas in den Kreislauf bringt, muss dafür bezahlen, dass es den Kreislauf auch ordentlich und umweltgerecht wieder verlässt.

Am 1. Juni 2012 trat in Deutschland das Kreislaufwirtschaftsgesetz in Kraft. Zweck des Gesetzes ist es, die Kreislaufwirtschaft zur Schonung der natürlichen Ressourcen zu fördern und den Schutz von Mensch und Umwelt bei der Erzeugung und Bewirtschaftung von Abfällen sicherzustellen. Die Umweltorganisation Greenpeace fordert: „Waren, in diesem Fall Textilien, dürfen nicht einfach vernichtet, sondern sollen in einem sinnvollen Kreislauf wiederverwertet werden.“ Das wird bislang noch nicht umgesetzt.

Und wir KonsumentInnen? Wir können beim Einkaufen schon mal umdenken, den Einzelhandel unterstützen und dabei auf Klasse statt Masse setzen.

 

Quellen zu diesem Thema:

https://www.bte.de

https://www.bmu.de/gesetz/kreislaufwirtschaftsgesetz/

https://www.fairwertung.de

https://www.bvse.de

https://kommunalwirtschaft.eu

https://www.europarl.europa.eu