Seide - alles, was du über das Material wissen musst

Sie ist glatt, geschmeidig und meist glänzend: Seide gilt unter Modeliebhabern als purer Luxus. Schon vor über 5.000 Jahren handelte China mit dem wertvollen Stoff. Wie dieser entsteht, ist allerdings oft ethisch fragwürdig.
Text von Tatjana Buchner
11/5/2021
SeideSeide

Was ist Seide?

 

Seide ist eine tierische Naturfaser, die aus dem Faden, den die Seidenraupe zum Kokon spinnt, gewonnen wird. Rund 90 Prozent der weltweit gehandelten Seide stammen vom Maulbeerspinner. Diese Raupe ernährt sich ausschließlich von den Blättern des Maulbeerbaumes, daher der Name.

 

Für was wird Seide verwendet?

 

Seidenraupen wurden schon vor mehr als 5.000 Jahren in China domestiziert, um Seide wirtschaftlich nutzen zu können. Der edle Stoff gelangte damals über Tausende Kilometer von China nach Europa – und gab dieser Handelsroute ihren populären Namen: die Seidenstraße.

Heute wird Seide vor allem in China, Indien und Usbekistan erzeugt. In Südamerika spielt Brasilien eine Hauptrolle bei der Produktion des wertvollen Materials. In den vergangenen Jahren ist die Seidenproduktion zurückgegangen: Waren es 2015 nach Angaben der zwischenstaatlichen Organisation International Sericultural Commission (Inserco) noch mehr als 202.000 Tonnen, wurden 2019 nur noch rund 109.111 Tonnen Seide hergestellt. Das Material macht laut Textile Exchange nur rund 0,11 % des globalen Fasermarktes aus, obwohl es in mehr als 60 Ländern hergestellt wird. Das wundert nicht: Seide ist wegen der aufwändigen Produktion teuer.

 

Welche Arten von Seide gibt es?

Je nach Art der Raupe und Herstellung existieren unterschiedliche Seiden. Neben der Maulbeerseide, die am häufigsten verwendet wird, gibt es zum Beispiel

  • Tussahseide, die von den Kokons des Japanischen Eichenseidenspinners stammt. Sie gehört zur Wildseide, die erst nach dem Schlüpfen der Falter gewonnen wird. Sie ist robuster als Maulbeerseide und sieht von Natur aus bräunlich aus. Daher wirkt der vergleichsweise Faden uneinheitlicher und nicht so fein. Zudem ist er dicker und kürzer.
  • Fagaraseide, die aus den Kokons des Atlasspinners gewonnen wird. Auch sie ist eine Wildseide, da die Fasern erst gewonnen werden, nachdem der Falter geschlüpft ist. Weil die Fäden bräunlich, dick und eher kurz sind, sind die Herstellungsschritte sehr aufwändig. Das Ergebnis ist oft ein mittelwertiges Produkt.

Betrachtet man die Gewinnung, findet sich unter anderem die

  • Dupionseide. Sie wird aus doppelten Kokons des Maulbeerspinners gewonnen, in denen sich zwei Raupen miteinander verpuppt haben. Sie glänzt stark.
  • Bouretteseide. Sie entsteht aus Konkonresten und kürzeren Fasern des Maulbeerspinners, die beim Auskämmen übrigbleiben. Die Fasern enthalten Knötchen, die man bei der Verarbeitung nicht auflösen kann. Dadurch weist dieser Seidenstoff eine grobe Struktur auf.
  • Shantung-Seide. Sie wird – anders als üblich – nicht entbastet, also nicht vom Seidenleim befreit. Dadurch ist ihre Oberfläche unregelmäßig strukturiert.

 

Welche ökologischen, sozialen und ethischen Auswirkungen hat Seide?

 

Welche positiven Eigenschaften hat Seide?

Seide …

  • ist geschmeidig und weich, da sie eine feine und glatte Faserstruktur aufweist.
  • hat eine geringe Dichte, sie ist deshalb leicht und angenehm zu tragen.
  • ist sehr hautverträglich und für Allergiker bestens geeignet. Man sagt der Seide eine hautberuhigende Eigenschaft nach.
  • kann schimmernd und glänzend sein, aber auch strukturiert und grob in ihrer Beschaffenheit.
  • kann rund 30 % ihres Eigengewichtes an Flüssigkeit aufnehmen, ohne sich feucht anzufühlen. Die Seidenfäden haben winzige Löcher, die Schweiß von der Haut „wegsaugen“. Aufgrund dieses sogenannten Kapillareffekts transportiert das Material den Schweiß nach außen und lässt die Haut atmen.
  • wärmt bei Kälte und kühlt bei Hitze. Sie ist daher sowohl im Sommer als auch im Winter bestens tragbar.
  • weist bedingt durch ihre glatte Oberfläche Schmutz ab.
  • ist unempfindlich gegen Gerüche.
  • ist reißfest – sie besitzt die größte Elastizität aller Naturfasern.
  • ist hitzebeständig.
  • ist als natürliche Faser biologisch abbaubar, sofern keine synthetischen Veredelungen eingesetzt werden.
  • regeneriert leicht und ist deshalb bei richtiger Pflege (siehe unten) lange tragbar.

 

Seide

Wie entsteht Seide – und welche ethischen Probleme tauchen dabei auf?

Wenn sich die Seidenraupe dick gefressen hat, verpuppt sie sich. Kleine Drüsen in ihrem Maul produzieren einen feinen Faden, die Seide, den sie in Schlaufen um sich wickelt und so einen schützenden Kokon um ihren Körper bildet. Normalerweise würde sich die Raupe nach dem Schlüpfen in einen Schmetterling verwandeln, sie müsste allerdings dabei den mehr als 1.000 Meter langen Seidenfaden durchbeißen.

Weil das die Qualität der Seide mindern würde, ist den Züchtern daran gelegen, einen einzigen Seidenfaden von jedem Kokon zu lösen: Sie werden mitsamt den lebenden Raupen in kochendes Wasser geworfen oder heißem Wasserdampf ausgesetzt, wobei die Raupen sterben.

Die Kokons werden danach in einem heißen Wasserbad gereinigt und aufgeweicht, um den Seidenleim (Sericin) zu lösen. Mit diesem Leim hat die Raupe den Kokon zusammengeklebt. Im Wasser rotieren Bürsten, die die Seidenfäden von mehreren Kokons gleichzeitig aufnehmen und abwickeln. Dies wird als Abhaspeln bezeichnet. Dabei werden bis zu acht Seidenfäden zu Rohseide verarbeitet, der sogenannten Grège. Nach dem anschließenden Zwirnen wird das Gewebe hergestellt, dazu gehören auch die Arbeitsschritte Entbasten, Veredeln und Färben.

 

Wer stellt die Seide her?

Die Seidenindustrie bietet in Asien vor allem der ländlichen Bevölkerung Beschäftigung – laut Inserco rund eine Million ArbeiterInnen in China und 7,9 Millionen Menschen in Indien. Sie trägt also stark zum Einkommen der armen Bevölkerung bei. Berichte weisen jedoch auf Kinderarbeit in der Seidenindustrie hin.

 

Was ist mit der Umwelt?

Um Seide herstellen zu können, müssen zunächst Maulbeerbäume gepflanzt werden, diese werden in China und Indien vorwiegend in Monokulturen angebaut. Die Herstellung von Seide ist daher ressourcenintensiv und benötigt den Einsatz von Wasser, Chemikalien und Energie.

Wie alle Naturfasern kann auch Seide in die Natur zurückgeführt werden, insofern sie selbst nicht mit synthetischen Stoffen weiterbehandelt wurde.

 

Auf was solltest du achten?

 

Du möchtest Seide kaufen, die möglichst schonend für Umwelt und/oder Tier hergestellt wird? Hier eine Auswahl:

  • Du kannst auf GOTS-zertifizierte Bio-Seide achten. Sie wird etwa von SABA, ein Joint-Venture der Alkena GmbH und chinesischen Unternehmen, in der chinesischen Provinz Sichuan produziert. Die Raupenzucht erfolgt chemikalienfrei, die Maulbeerbäume werden biologisch-dynamisch angebaut und die Seide wird nach strengen Richtlinien weiterverarbeitet. Aufgrund der Trocknung der Kokons bleiben diese unversehrt – die Tiere sterben allerdings dabei.
  • Tierfreundlicher ist die Herstellung von sogenannter „Peace Silk“, zu Deutsch: gewaltfreie Seide. Um diese zu gewinnen, werden die Tiere nicht getötet: Entweder entschlüpfen die Raupen dem Kokon und verwandeln sich in Falter oder der Kokon wird aufgeschnitten. Weil die Kokons dadurch beschädigt sind, können nur relativ kurze Fasern gewonnen werden. Das macht die Verarbeitung aufwändiger und das Material noch teurer als herkömmliche Seide. Peace Silk wird unter strengen sozialen und ökologischen Standards in Indien produziert, größtenteils nach dem GOTS-Standard.

 

Welche innovativen Lösungsansätze sind auf dem Markt?

  • Das japanische Unternehmen Spiber fertigt eine Textilfaser aus künstlicher Spinnenseide, die sehr reißfest und dehnbar ist. Zusammen mit der Outdoor-Marke The North Face hat die Firma eine High-Tech-Jacke unter dem Namen „Moon Parker“ konzipiert und in den Handel gebracht.
  • Das süddeutsche Unternehmen AMSilk stellt vegane Seiden-Biopolymere biotechnologisch her. Nach Firmenangaben ist die Faser hinsichtlich ihrer Zugfestigkeit mit den Fäden der Seidenraupe vergleichbar, jedoch doppelt so belastbar. Sie soll daher unter dem Namen „Biosteel“ in Hightech-Textilien zum Einsatz kommen, etwa für Sport- und Outdoorkleidung. Die Faser ist nach STANDARD 100 by OEKO-TEX® zertifiziert und biologisch abbaubar.

 

Wie sollte Seide gepflegt werden?

Seide ist eine der empfindlichsten Faserarten, etwa im Vergleich zu Chemiefasern. Also möglichst den Stoff weder mit Parfüm noch mit Deo besprühen, weil es Flecken hinterlässt.
Du solltest Seide in der Waschmaschine schonend bei maximal 30°C waschen. Das Waschmittel muss pH-neutral sein, damit das Material nicht angegriffen wird; es gibt spezielle Seidenwaschmittel mit milden, pH-neutralen Tensiden.
Noch schonender ist die Handwäsche Im Waschbecken. Dafür

  • die Seide 3 bis 5 Minuten im lauwarmen Wasser einweichen.
  • dunkle Seide nur kurz in kaltem Handbad waschen, keinesfalls einweichen, da die Farbe verblassen kann.
  • den Stoff leicht im Wasser hin und her bewegen.
  • das Textil nach dem Handbad mit kaltem Wasser ausspülen, am besten unter Zugabe eines Teelöffels Essig, um alle Rückstände zu entfernen.

Zum Trocknen hängst du das noch feuchte Seidenkleid oder das Top auf einen Bügel. Wichtig: nicht auswringen, das zarte Gewebe verträgt keine Reibung. Und: keinesfalls in der Sonne oder im Trockner trocknen, das greift die zarten Fasern an. Seide lässt sich gut bügeln, am besten von links und wenn du es vorher etwas mit kaltem Wasser besprühst.