Der Responsible Wool Standard – Ein Siegel fürs Tierwohl

Ein Siegel nur für Schafe – so könnte man den Responsible Wool Standard auch betiteln, denn tatsächlich wurde dieser Standard nur für den Schutz und das Wohlergehen von Schafen ins Leben gerufen. Das Ziel ist es, neue Standards für eine Industrie zu schaffen, in der das Wohl von Tieren bisher noch wenig Beachtung findet. Wie das Siegel vergeben wird und wer dahinter steckt – das erklären wir hier.
Text von Maya Classen
10/27/2021
Responsible Wool StandardResponsible Wool Standard

Textile Exchange

 

Textile Exchange ist eine globale Non-Profit-Organisation (NPO), die 2002 gegründet wurde. Damals, noch unter dem Namen „Organic Exchange“, befasste sich noch ausschließlich mit dem Anbau und der Nutzung von biologischer Baumwolle. Heute, knapp 20 Jahre später gehört Textile Exchange zu einer der bekanntesten NPOs in der Textilindustrie und setzt sich vor allem den nachhaltigen Anbau von Rohmaterialien ein. Bis 2030 hat sich die Organisation zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemission in der Faser- und Rohstoffproduktion um 45% zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Textile Exchange über die Jahre mehrere Standards entwickelt, die zu einem allgemeinen Umschwung in der Textilwelt beitragen sollen. Da tierische Fasern immer noch einen wichtigen Bestandteil in der Textilindustrie ausmachen, hat Textile Exchange vier Standards entwickelt, die das Wohl von Tieren schützen sollen. Einer davon ist der Responsible Wool Standard.

 

Responsible Wool Standard

 

Der Responsible Wool Standard (RWS), der sich mit dem Wohl von Schafen und dem Schutz des Weidelands befasst, wurde 2016 das erste Mal veröffentlicht. Seitdem können sich landwirtschaftliche Betriebe, die Schafe halten und züchten, um später deren Wolle zu verkaufen, mit dem RWS Zertifikat auszeichnen lassen, um zu zeigen, dass sie sich für das Wohlergehen ihrer Tiere und nachhaltige Landnutzung einsetzen. Um ein solches Zertifikat zu erhalten, müssen einige Kriterien erfüllt werden.

 

Die Kriterien

 

Wie auch bei anderen Standards, wie dem Global Organic Textile Standard (GOTS) oder Fairtrade, werden auch für den RWS die Kriterien in Kategorien aufgeteilt. Für landwirtschaftliche Betriebe, die ihre Wolle zertifizieren wollen, gelten vier Hauptkategorien: Tierwohl, Landmanagement, Sozialkriterien und Chain of Custody.

 

Tierwohl

Hierunter fallen Dinge wie ausreichende Ernährung, Zugang zu Trinkwasser und die Pflege bei Krankheit, aber auch der Umgang mit den Tieren und das ausdrückliche Verbot von Misshandlungen wie Treten, das Zerren an den Schafen beim Transport oder Mulesing, eine grausame Praktik, über die wir im Zusammenhang mit dem PETA-Approved Vegan Siegel bereits gesprochen haben.

 

Landmanagement

Zum Wohlergehen der Tiere trägt auch der Schutz und die Pflege der Weidelandschaften bei, auf denen die Schafe grasen. Deshalb beinhaltet der RWS auch Kriterien zum Schutz von Biodiversität und der verantwortungsvollen Nutzung von Dünger und Pestiziden.

 

Sozialkriterien

Dieser Teil fällt beim RWS verhältnismäßig kurz aus. Da es sich bei diesem Standard vor allem um das Wohl der Schafe dreht, beziehen sich die Kriterien zu Arbeitsbedingungen, Löhnen und Rechten der ArbeiterInnen auf die lokalen Gesetzgebungen und die Arbeitsstandards der Internationalen Arbeitsorganisation.

 

Chain of Custody

Wolle darf nur als RWS Wolle verkauft werden, wenn der Betrieb zum Zeitpunkt des Verkaufs bereits RWS zertifiziert war, bei den teilweise unangekündigten Kontrollen keine schweren Missachtungen der Auflagen festgestellt werden und seit mindestens einem Jahr kein Mulesing mehr stattgefunden hat.

Damit die Wolle eines RWS zertifizierten Betriebs auch noch gegenüber den KonsumentInnen als RWS Wolle verkauft werden darf, muss auch der Rest der Lieferkette von Textile Exchange zertifiziert werden. Das gewährleisten sie durch den Content Claim Standard, der in allen Produktionsschritten erfolgen muss. Der Content Claim Standard (CCS) liegt allen Textile Exchange Standards zu Grunde und gewährleistet in allen Produktionsschritten, dass das Eingangsmaterial (in diesem Fall RWS-zertifizierte Wolle) sich auch tatsächlich in Ausgangsprodukt befindet. Nur so kann garantiert werden, dass das Wollprodukt, das am Ende bei den KonsumentInnen ankommt, auch wirklich dem Responsible Wool Standard entspricht.

 

Was darf mit dem RWS beworben werden?

 

Produkte, die mit dem RWS-Logo beworben werden, müssen entweder ausschließlich, aber mindestens zu 5%, aus RWS-Wolle bestehen und dürfen keine nicht-zertifizierte Wolle enthalten. Bei einem Anteil von weniger als 10% RWS Wolle muss dies ergänzend erwähnt werden. Ein Pullover mit dem RWS-Logo auf dem Etikett besteht also entweder zu 100% aus RSW Wolle oder mindestens 5%, was auf dem Label nachzulesen ist. Der Pullover könnte also auch zu 70% aus RWS Wolle und 30% Acrylic bestehen und auf dem Label wäre der Anteil der RWS Wolle nachzulesen. Würde er aber aus 50% RSW zertifizierter Wolle und 50% nicht-zertifizierter Wolle bestehen, darf er nicht das RWS Logo tragen.

 

Klein aber fein: Warum Nischen-Siegel wichtig sind

 

Die globale Textilindustrie ist eine komplexe Welt, die auch auf den zweiten oder dritten Blick nur schwer zu durchschauen ist. Vor allem ist es aber keine perfekte Welt – Menschenrechte werden verletzt, Ressourcen verbraucht, Land abgenutzt und Tiere misshandelt. Das goldene Siegel, das all die Probleme auf einmal löst, wird es nie geben. Denn ein einziges Siegel könnte niemals allen Bereichen gleichzeitig gerecht werden; es wäre schlichtweg nicht umsetzbar. Mit Siegeln wie dem RWS Siegel, die sich auf einen kleinen Bereich der Industrie spezialisieren, ist zwar noch nicht die Welt gerettet, aber auch Rom wurde nicht an einem Tag gebaut.