Naturfasern & Chemiefasern - Unterschiede und Gebrauch in der Mode

Aus welchen Faserarten sind diese Kleidungsstücke eigentlich gemacht? Aus Chemiefasern? Aus Naturfasern? Und wie sieht es bei den beliebtesten Garnen und Geweben mit der Umweltverträglichkeit aus? Definitionen, Übersichten und Beispiele.
Text von Susanne Pahler
5/25/2021
NaturfasernNaturfasern

Was sind Naturfasern?

 

Naturfasern werden aus pflanzlichen Materialien gewonnen oder haben einen tierischen Ursprung.

Mit fast 26 Millionen Tonnen der Weltproduktion 2019 sind Baumwollfasern die beliebteste Naturfaser. Sie sind saugfähig, atmungsaktiv, reißfest, fühlen sich gut an, knittern wenig, können heiß gewaschen werden und sind variabel einsetzbar. Andere natürliche Gewebe wie Leinen, Hanf oder Ramie sind – zumindest bislang – auf dem Weltmarkt kaum relevant, obwohl auch sie sich für die Textilproduktion gut eignet und umweltschonender als konventionelle Baumwolle sind.

Weltweit wird rund eine Million Tonnen Wolle produziert, meistens stammt diese tierische Naturfaser vom Schaf. Sie hat viele tolle Eigenschaften, ist etwa wärmeisolierend, wasserabweisend, antibakteriell und feuchtigkeitsabsorbierend. Ähnlich verhält es sich mit den Naturfasern von Alpakas, Kaschmirziegen, Kamelen oder Angorakaninchen. Sie gehören zu den Edelfasern, denn sie sind noch weicher und wärmer, allerdings weniger ergiebig und deshalb teurer.

Seide wird aus dem Kokon der Seidenspinner-Raupe gewonnen und zählt ebenfalls zu den Naturfasern. Sie hat viele Vorteile, ist zum Beispiel reißfest und gleichzeitig elastisch, sehr saugfähig, fein und leicht, knittert wenig und kann Temperaturen gut ausgleichen.

 

Was sind Chemiefasern?

 

Chemiefasern sind im Gegensatz zu Naturfasern künstlich hergestellte Garne. Man unterscheidet dabei zwei Varianten: Synthetische Fasern, auch als Kunstfasern bezeichnet, werden aus Erdöl gefertigt. Weltweit sind sie mit 73,5 Millionen Tonnen die am meisten produzierten Fasern. Daneben gibt es Chemiefasern aus natürlichem Rohstoffen, so genannte Regeneratfasern, oder natürliche Polymere: Ihr Ursprung ist meist pflanzlich, die Verarbeitung chemisch. Global werden jährlich sieben Millionen Tonnen  Regeneratfasern oder natürliche Polymere produziert.

Synthetische Fasern werden meist aus Erdöl gefertigt und zu verschiedenen Fasern mit unterschiedlichen Qualitäten verarbeitet. Am beliebtesten ist das sehr variable Polyester, das mit Baumwolle kombiniert oft zur Mischfaser wird. Die Textilindustrie benutzt auch gerne wollähnliches Polyacryl, die Nylon- Alternative Polyamid sowie Elastan, das vielfältig eingesetzt wird, um Stoffe elastisch zu machen.

Vor allem die Herstellung von Polyester ist günstiger als die von Naturfasern, das Material formstabil, es trocknet schnell, knittert kaum und kann auch heiß gewaschen werden. Nachteile hat es allerdings im Tragekomfort: Oftmals lädt sich gerade günstig produziertes Polyester stark elektrostatisch auf, ist wenig bis nicht atmungsaktiv, bindet Gerüche (Stichwort: Schweiß), entwickelt leicht Knötchen und kann die Haut irritieren.

Chemiefasern aus natürlichen Polymeren oder Regeneratfasern bestehen aus nachwachsenden, sich selbst regenerierenden Rohstoffen, vorwiegend  aus Holz. Deshalb nennt man sie auch Regeneratfasern. Sie werden mit chemischen Verfahren meist aus der Zellulose von Eukalyptus, Buche, Pinie oder Bambus produziert. Daraus entstehen die Stoffe Viskose, Modal oder Lyocell.

Die Garne sind sanft, saugfähig und antistatisch. Viskose ist jedoch nicht besonders robust, der Stoff bildet schnell Pillen, knittert und kann die Form verlieren. Bessere Eigenschaften haben Modal und Lyocell: Diese Garne sind haltbarer, nehmen Feuchtigkeit besser auf, knittern nicht so leicht und können gut gewaschen werden.

 

Naturfasern

Belasten alle Chemiefasern die Umwelt?

Besonders umweltschädlich sind vor allem synthetische Chemiefasern: Die Herstellung benötigt viel Energie, Wasser und Chemie. Da die Erdöl-Reserven zudem begrenzt sind, wird der fossile Brennstoff an immer neuen Quellen ans Tageslicht befördert.

So verschwinden unter anderem enorme Waldflächen, zudem werden Böden, Gewässer und Luft verschmutzt. Sie belasten bei der Entsorgung die Umwelt einmal mehr.

Zudem steht man beim Recycling von synthetischen Stoffen immer noch vor großen Herausforderungen.

Schädlich für die Natur ist auch der Stoff selbst: Jeder Waschgang und sogar jedes Tragen setzt winzigen Mikroplastik-Fasern frei, die selbst Kläranlagen nicht herausfiltern können. Sie landen in der Umwelt und dem Meer – das belastet Tier- und Pflanzenwelt – und landen letztlich sogar auf unserem Teller: Selbst in Salz, vor allem im teuren „Fleur de Sel“, wurde Mikroplastik nachgewiesen. Was es im und mit dem menschlichen Körper macht, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.

 

Wie umweltverträglich sind  Regeneratfasern?

Chemiefasern aus natürlichen Polymeren können je nach Verfahren relativ grün gefertigt werden. Eine Ausnahme ist die konventionelle Viskose, deren Herstellung die Umwelt stark belastet. Eine ökologische Alternative dagegen ist etwa Lyocell. Hier werden Chemikalien in einem geschlossenen Kreislauf wiederverwendet, so dass die Produktion weniger Umweltschäden verursacht als etwa konventionelle Viskose, bei deren Herstellung Chemikalien Menschen und Umwelt stark belasten. Kleidungsstücke aus Tencel ™ von Lenzing etwa kann man sogar auf den Kompost werfen: Nach 16 Wochen haben sie sich komplett zersetzt. Auch bei der Herstellung von Modal aus Buche und Viskose gibt es Fortschritte hinsichtlich der Rückgewinnung von Chemikalien. Ob entsprechende Standards jedoch eingehalten werden, hängt oftmals von der Fabrik und dem Herstellungsland ab.

 

Schonen Naturfasern immer die Umwelt?

 

Nein. Gerade konventionell angebaute Baumwolle ist eine enorme Belastung, obwohl sie zu den Naturfasern zählt: Die flauschigen Baumwollkapseln aus oft genmanipuliertem Saatgut müssen mit enormen Mengen künstlich bewässert werden, brauchen viel Platz, viel Düngemittel und so viele Insektizide und Pestizide  wie kein anderes landwirtschaftliches Produkt. Zudem kann in der Baumwollindustrie immer noch oft Kinder- und Zwangsarbeit beobachtet werden. Eine umweltfreundlichere Alternative ist Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) – ohne  den Einsatz von schädlichen Insektiziden, Pestiziden, Gentechnik (GMO) und mit ökologischen Praktiken.

Auch die Naturfasern Wolle und Seide können problematisch sein, gerade was das Tierwohl betrifft: Schafe und Hasen etwa werden oft unter anderem in Massentierhaltung unter  unwürdigen Bedingungen  gehalten und geschoren. Alternativen: Bio-Wolle, bei der auf die „Fünf Freiheiten“ (Nahrung, Umfeld, Gesundheit, Platz, Lebensbedingungen) geachtet wird und bei der auf „Mulesing“ verzichtet wird. Vorwiegend bei australischen Lämmern wird, um Madenbefall zu verhindern, häufig ohne Betäubung und Wundversorgung rund um den Schwanz die Haut entfernt.

Für das Verfahren der Seidengewinnung werden die Kokons vor der Entpuppung in heißem Wasser abgekocht und die Raupen dadurch getötet, weil die Tiere andernfalls den endlosen Faden des Kokons durchbeißen und damit die Qualität verringern würden. Wer Seidenraupen leben lassen möchte, greift zu sogenannter Amhimsa- oder Peace-Seide.

 

Weshalb sich etwas ändern muss

 

Mit derzeit fast 70 Prozent besteht die Mehrheit unserer Kleidung aus synthetischen Fasern, für die fossile Brennstoffe benötigt werden. Tendenz steigend, da vor allem die sogenannte Fast-Fashion-Industrie enorm wächst: Es wird immer mehr Kleidung billig hergestellt und verkauft. Das Ziel der Unternehmen: KundInnen dazu zu bringen, möglichst häufig viele neue Outfits zu kaufen, um möglichst hohe Gewinne einzufahren. Dieses System funktioniert nur, weil immer mehr synthetische Fasern für die Textilindustrie hergestellt werden und dabei Arbeits- und Umweltstandards in Produktionsländern vernachlässigt werden. Statt fossile Brennstoffe einzudämmen, um das 2016 vereinbarte Klimaziel zu erreichen – die globale Erwärmung soll demnach bis zum Jahr 2100 auf 1,5 Grad begrenzt werden –, fordert die Textilindustrie immer mehr Erdöl.

Wegen der oft mangelhaften Qualität und der günstigen Anschaffungskosten schmeißen wir zudem immer schneller Klamotten in den Müll: In der EU entsorgen Verbraucher etwa elf Kilogramm Textilien pro Person und Jahr. Auch den Verwertern von Altkleidern bleibt oft nichts anderes übrig als die Ware zu entsorgen. Pro Sekunde landet deshalb ein Müllwagen voller Kleidung auf der Halde, um verbrannt oder deponiert zu werden. So gelangen in Luft, Boden und Gewässer unter anderem das Treibhausgas Methan, Kohlenstoff, Mikrofasern, Schwermetalle, saure Gase und Dioxine.

 

Welche Innovationen gibt es?

 

Textilproduzenten interessieren sich immer mehr für natürliche Ressourcen und textilen Abfall, um daraus umweltschonende, Regeneratfasern oder natürliche Polymere zu entwickeln. Soja-Seide etwa, bei der ein Nebenprodukt der Sojabohnen-Ernte zur Verwendung kommt. Sie gilt als veganes Kaschmir, ist aber robuster und einfacher zu färben als die Kaschmir-Ziegenwolle. Oder SeaCell, eine natürliche Faser aus isländischen Algen, deren Zellulose zu einem vielfältig einsetzbaren, elastischen und temperaturregulierenden Garn wird. In Italien stellt man aus den Resten der Orangensaftherstellung seidig-weiches Garn her.

Auch einige vegane Lederalternativen können inzwischen aus Pflanzen gefertigt werden: Piñatex stammt aus den Fasern der Ananas-Pflanze, Bananatex aus denen der Bananen-Pflanze. SnapPap besteht aus einem umweltfreundlichen, robusten und waschbaren Papier-Kunststoffmix. Auch aus Abfällen der Weinindustrie und aus Pilzen wird Kunstleder gemacht.

Eine andere Art der Materialgewinnung ist Recycling, etwa wie ECONYL®: Das recycelte Nylon wird aus Industrie- und Ozeanmüll hergestellt, ist atmungsaktiv, elastisch, wasserresistent und strapazierfähig.

 

Was kann ich selbst tun?

 

Besonders nachhaltig ist es, seinen Konsum einzuschränken: Lieber ein gutes, langlebiges Teil für etwas mehr Geld kaufen als ständig bei den großen Kleidungsketten billig shoppen und schnell wieder wegwerfen. Besser eine kleine, feine Auswahl im Schrank haben (Stichwort Capsule Wardrobe). Auch Second Hand zu kaufen ist eine umweltschonende Möglichkeit. Und geht etwas kaputt, nicht gleich entsorgen, sondern versuchen, das Teil zu reparieren oder es mit Upcycling zu etwas Neuem zu gestalten.

Augen auf bei der Wahl der Faser: Zellulosische Chemiefasern wie Lyocell belasten die Umwelt weniger als so manche synthetische Faser. Auch Naturfasern sind eine sinnvolle Alternative, wobei gerade bei Baumwolle die Herstellung in ökologischer Landwirtschaft wichtig ist. Besonders vertrauenswürdig im Baumwollbereich sind die Siegel GOTS, IVN Best und Fairtrade Cotton.

Entscheidend ist zudem die Nutzungsphase für den Energieaufwand rund um die Textilien. Also: möglichst selten waschen, was gerade bei Naturfasern wie Wolle mit ihren regenerativen Eigenschaften leicht ist. Dazu nur eine volle Maschine anmachen, mit der kleinstmöglichen Menge Waschmittel und bei niedriger Temperatur (30 Grad reicht meistens aus). Spezielle Waschbeutel wie der von Guppyfriend  sammeln zumindest eine gewisse Menge des freiwerdendes Mikroplastik, das man im Restmüll entsorgen kann. Noch besser wäre allerdings, auf synthetische Fasern in der eigenen Kleidung (weitgehend) zu verzichten und stattdessen auf Bio-Naturfasern oder Regeneratfasern zu setzen.