Angora - alles, was du über das Material wissen musst

Kleidung aus feiner Angora wärmt im Winter und sorgt im Sommer für ein angenehmes Klima auf der Haut. Doch für die Produktion leiden Angorakaninchen in einigen Zuchtbetrieben qualvoll.
Text von Tatjana Buchner
9/28/2021
AngoraAngora

Was ist Angora?

 

Angora ist eine seidige Naturfaser, die von den Haaren der Angorakaninchen gewonnen wird. Experten vermuten, dass die heutige Türkei mit der Region Ankara der Namensgeber dieser Kaninchenmutation ist. Die Tiere lebten ursprünglich in freier Wildbahn. Anfang des 18. Jahrhunderts waren die Briten die Ersten, die diese „Seidenkaninchen“ zu einer Rasse züchteten und mit einem Exportverbot belegten, um das Monopol zu sichern. 1723 brachte sie dennoch ein britischer Seemann nach Bordeaux in Frankreich. Rund 50 Jahre später wurden die ersten Angorafasern in Deutschland verwertet.

Laut der Tierschutzorganisation PETA stammen heute rund 90 Prozent der Angorawolle weltweit aus China, wo keine Gesetze den Umgang mit Tieren regeln und Strafen für Tierquälerei fehlen. In Europa ist Frankreich der größte Produzent, so der Deutsche Tierschutzverband.

In Deutschland ist die Herstellung von Angorawolle wirtschaftlich kaum bedeutsam: Es gibt nur wenige Züchter, die die Angorakaninchen in kleiner Menge halten. 2018 gab es insgesamt 453 Zuchttiere, so die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). 2004 betrug ihre Zahl noch mehr als 800.

Angorakaninchen müssen regelmäßig, rund vier bis fünf Mal im Jahr, geschoren werden – andernfalls verfilzen die Haare. Unverworrene Angorahaare können ohne Vorarbeiten direkt für die Produktion verwendet werden. Das bedeutet, sie müssen weder aufgerissen noch gereinigt werden und behalten so ihre volle Länge und Naturbelassenheit.

Die Haare gibt es in verschiedenen Sorten: Sorte 1 bedeutet zum Beispiel, dass das Angorahaar 6 cm lang, sauber und unverfilzt ist – und somit die beste Qualität aufweist. Die Sorte 2 ist zwischen 3 und 6 cm lang. Die gewonnenen Haare werden zu Garn gesponnen und gefärbt. Damit das Angorahaar stabiler und strapazierfähiger ist, wird es oft mit anderen Fasern wie Schafswolle versponnen. Für Großproduktionen kommen Strickmaschinen zum Einsatz, die Kleidungsstücke aus Angorawolle fertigen.

 

Für was wird Angora verwendet?

 

Angorawolle ist nicht nur feiner und leichter als Kaschmirwolle, sondern durch ihre weiche und glatte Struktur auch sehr hautverträglich.

Angora wird besonders gerne zu Kleidungsstücken wie Unterwäsche und Socken verarbeitet, aber auch zu Decken. Da man der Wolle des Angorakaninchens eine heilende Wirkung auf Gelenke und Muskeln nachsagt, kommt sie zudem in Gesundheits- und Sportkleidung zum Einsatz. Bei Sportartikeln wird sie oft mit Baumwolle kombiniert.

 

Welche ökologischen, sozialen und ethischen Auswirkungen hat Angora?

 

Vorteile von Angora

  • im Winter: Sie wärmt noch mehr als Schafwolle, weil sich im Inneren der Härchen viele kleine Luftkammern befinden, die isolierend wirken. So wird kalte Luft ferngehalten. Angorawolle wirkt gleichzeitig als Nässeschutz: Trägt man Angora im Regen, perlt das kalte Wasser ab. Das liegt am hohen Ölgehalt der Faser, die die Aufnahme des Wassers verhindert. Schafwolle dagegen saugt das Wasser auf.
  • im Sommer: Bei warmen Temperaturen bleibt Angorawolle angenehm trocken auf der Haut, auch wenn man schwitzt. Die Hohlräume im Haar nehmen die warme Feuchtigkeit auf und leiten sie nach außen. Mehr als die Hälfte ihres Gewichts kann Angorawolle an Wasser speichern.

 

Warum du keine Textilien aus Angora kaufen solltest:

Kaninchen-Leid durch extreme Zucht. Nach Angaben des Deutschen Tierschutzverbandes zählen Angorakaninchen zu den Qualzuchten: Das Fell der Angorakaninchen wurde im Laufe der Zeit derart lang gezüchtet, dass sich die Tiere nicht mehr richtig sauber halten und pflegen können. Zudem verfilzt ihr Haar, was zu Bewegungsstörungen und eine erschwerte Futteraufnahme führen kann. Die darunter liegende Haut kann sich infizieren und schmerzhaft entzünden. Die mögliche Folge: Fliegenmadenbefall (Myiasis).

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten weist auf weitere gesundheitliche Auswirkungen für die Angorakaninchen hin: „Um ihre eigene dicke Unterwolle zu reduzieren, säubern sie ihr Fell übermäßig und nehmen große Mengen davon auf. Ihre Mägen sind jedoch nicht dafür gebaut, Haare zu verdauen, und im Gegensatz zu Katzen sind Kaninchen nicht in der Lage, sich zu erbrechen oder die Haare herauszuwürgen. Dies führt zu schweren Darmproblemen.“ Vier Pfoten nennt ein zusätzliches Problem: „Ihre Ohren sind so gezüchtet, dass sie kurz sind, was eine richtige Thermoregulation des Körpers verhindert und zusammen mit dem dicken Fell zu starkem Hitzestress der Tiere führen kann.“

Tierquälerische Haargewinnung in China. 2013 veröffentlichte PETA Asia Videos, die einen brutalen Umgang mit Kaninchen in chinesischen Zuchtbetrieben zeigen. In den Filmen ist zu sehen, wie Arbeiter den Tieren gewaltsam das Fell aus ihrer sensiblen Haut reißen, während die Angorakaninchen vor Schmerzen schreien.

Kaninchen, denen ihr Fell stattdessen abgeschnitten oder geschoren wird, leiden laut der Organisation ebenfalls. „Wie auf einer Streckbank werden sie fixiert, indem ihre Vorder- und Hinterbeine an den Enden eines Holzbrettes gefesselt werden – für Fluchttiere eine fürchterliche Erfahrung“, kritisiert PETA. „Sie winden sich, um den scharfen Scheren oder Schurmaschinen zu entfliehen.“ Viele Kaninchen überleben diese Prozedur nicht: PETA zufolge treten 50 Prozent der Todesfälle in der ersten Woche nach der Schur auf, die Tiere sterben an Herzversagen durch Stress oder an den Folgen von Unterkühlung.

Keine artgerechte Tierhaltung. In ihrem natürlichen Lebensraum leben Angorakaninchen in selbstgebauten Höhlen. Sie sind hauptsächlich damit beschäftigt, blättrige Nahrung zu suchen und mit den Mitgliedern ihrer Familie zu interagieren. Die geselligen Tiere brauchen daher viel Platz zur Bewegung.

Das ist in vielen Farmen nicht gegeben: Nach Angaben von Vier Pfoten müssen die bewegungsfreudigen Angorakaninchen dort in kleinsten Maschendrahtkäfigen hausen. Daher können sie zahlreiche natürliche Verhaltensweisen nicht ausüben, etwa das Hüpfen, Graben oder Nagen an Ästen und Gestrüpp.

Die niedrigen Käfige verformen ihre Wirbelsäule, weil sie nicht aufrecht sitzen können. Der Boden aus Drahtgeflecht führt oft zu schweren Verletzungen an den Beinen oder Pfoten. Tageslicht? Fehlanzeige. Weil sich die Tiere wenig bewegen und beschäftigen können, entwickeln sie oft Verhaltensstörungen. Dazu zählen abnormale, sich wiederholende Bewegungen (Stereotypen) und Aggressionen.

Auch in französischen Farmen gab es Verstöße bei der Haltung von Angorakaninchen, wie Bildmaterial der französischen Tierschutzorganisation One Voice dokumentierte: 2016 kam ans Licht, dass die Tiere in kotverschmierten Käfigen saßen und allen Wetterlagen schutzlos ausgeliefert waren. Erneute Aufnahmen von One Voice in 2018 zeigten keine Besserung der Zustände.

 

Auf was solltest du achten?

 

Tierschützer rufen zum Verzicht auf

Der deutsche Tierschutzbund fordert, dass Angorakaninchen nur dann Wolle entnommen werden darf, wenn die Tiere artgemäß und verhaltensgerecht gehalten werden. Da dies unter „profitorientierten Bedingungen“ nicht möglich sei, so die Organisation, müsse auf die kommerzielle Nutzung von Angorakaninchen verzichtet werden. PETA rät VerbraucherInnen aufgrund der vorgefundenen Zustände in einigen Zuchtfarmen davon ab, Produkte aus Angora zu erwerben.

Viele Marken verwenden kein Angora mehr

Nachdem PETA Asia die Bilder aus China veröffentlicht hatte, reagierten große Textil- und Modeunternehmen: Im November 2013 strichen etwa H&M und C&A Angorawolle dauerhaft aus ihrem Sortiment. 2015 folgte der spanische Textilkonzern Inditex, zu dem unter anderem die Labels Bershka, Massimo Dutti und Zara gehören. Im Oktober 2018 kündigte das Luxuslabel Diane von Furstenberg an, neben Pelz auch auf Angorawolle zu verzichten. Inzwischen haben laut PETA mehr als 300 Unternehmen zugesagt, keine Kleidung aus Angorawolle mehr zu verkaufen – darunter Calvin Klein, Hugo Boss und Tommy Hilfiger.

Siegel sichert Einhaltung von Standards

Wer nicht komplett auf Angora verzichten möchte, sollte beim Kauf eines Produkts auf Wolle aus zertifizierten Zuchten achten. Das Caregora™-Siegel steht für kontrollierte Angorazuchten. Diese entsprechen dem Europäischen Standard für Tierhaltung (98/58EU Direktive der EU) und dem noch strengeren „Animal Welfare Code“ des britischen Ministeriums für Landwirtschaft.

Ein unabhängiges Institut, die Schweizer Firma SGS SA, prüft die Einhaltung der Standards. Diese Standards regeln unter anderem eine schonende Schur der Tiere und beinhalten, dass Produkte aus Angorawolle nur qualitativ höchstwertige Haare von Angorakaninchen enthalten.